Zweifel und Co.

Montag, 12. Juni 2017

Tag 10 auf Testo. Heute Abend wäre/ist(?) das 11. Mal gelen.
Ich weiß nicht, ob ich weiter machen soll. Hatte mir mehr psychische Veränderung erwartet, dass die Zweifel weniger werden. Oder ich deutlich merke, dass es doch nicht das ist, was ich will. Stattdessen hat sich irgendwie nichts verändert.

Bin noch genauso unsicher, genauso verwirrt. Und ich weiß nicht mal, ob das hauptsächlich an der Angst vor meinen Eltern liegt, die noch nicht von Testo wissen und bei denen ich noch wohne, oder an der Tatsache Testo an sich oder an trans* oder an was auch immer…

Der Tag war mies. Ich habe mal wieder funktioniert, aber nicht gelebt.

Dienstag, 13. Juni 2017

Die Nacht war nicht besser. Seit langem mal wieder mit Musik geschlafen, weil ich meine Gedanken gestern Abend nicht mehr hören wollte und konnte.

Ich habe kein Testosteron gegelt… Es fühlt sich falsch an. Aber genauso falsch hat es sich die letzten paar Tage angefühlt, mir das Testo auf die Haut zu schmieren.

Ich versuche nicht zu viel über all das nach zu denken, aber es geht nicht. 

Nachher bin ich mit meiner Mutter beim Outfit-Shoppen für eine Hochzeit am Samstag – Augen zu und durch. Es wird wohl irgendwas aus der Damen-Abteilung werden… Ich habe jetzt schon Kopfschmerzen und möchte heulen, und eigentlich gar nicht erst aufstehen. Aber nachmittags ist auch noch Uni…

Momentan geht so gar nichts mehr…
Und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht darüber freuen kann, mit Testo angefangen zu haben.

Socken in Schubladen

Ein kleiner Poetry Slam, der für einen Event-Abend im Rahmen einer trans*-Jugend-Freizeitfahrt entstand.

Wir sortieren

Socken in Schubladen
Shirts in Schränke
Identitäten dazu

Menschen sobald wir sie sehen

Socken nach Farben
Shirts nach Muster
und uns selbst mitten rein.

Wenn du sein sollst, wer du nicht bist und nicht sein darfst, wer du sein willst.
Wenn andere meinen, über dich Bescheid zu wissen mehr als du selbst – und sie doch nur einen Schm… Schmarrn wissen.
Wenn sie dich einsortieren und einschränken und die Schranken dir die Luft zum Atmen nehmen.
Wenn du schreien und um dich schlagen möchtest, aber nur ganz klein wirst und nachgibts. Und die Hoffnung schrumpft und langsam von dir weg rollt.
Dann schrei DAS BIN ICH NICHT! Ich bin nicht wie ihr denkt. ICH BIN DAS NICHT!

Und auf einmal siehst du in der Menge ein Nicken, Menschen stehen auf, stellen sich neben dich und wissen, was du fühlst.
Nein, du bist nicht allein. Da draußen sind andere. Andere, die wie du fühlen, die dich verstehen.
Ihr gebt euch die Hände. Und plötzlich ist die Welt gar nicht mehr ganz so groß und die Existenz gar nicht mehr ganz so einsam.
Du fühlst dich geborgen unter all den anfänglich fremden Menschen. Du findest einen sicheren Ort, wo du sein kannst und darfst, wer du bist.
Wo ich sein kann, wer ich bin.

Uuups…

Da steht es nun also – drei Packungen mit jeweils 30 mal 2,5g Testo-Gel mit 25mg Wirkstoff in meinem Schrank.
Und ich kann anfangen, sobald ich möchte und mich bereit fühle.

Und ehrlich gesagt juckt es mich gerade ziemlich in den Fingern, dass Tütchen, das vor mir liegt, aufzureißen und auf meiner Haut zu verteilen.

Gleichzeitig gibt’s da aber noch eine leise Stimme, die sagt, ich solle lieber noch ein paar Tage warten. Vor allem nach den letzten paar Tagen. Die teils ziemlich mies und voller Zweifel waren. Gleichzeitig aber teils (Sonntag) auch mies, weil Dysphorie in vollem Maß zugeschlagen hat. Grund war meine Familie, die in eine Therme gefahren ist. Irgendwie wär ich gerne mir, aber nicht in diesem Körper und schon gar nicht, wenn ich dann auch noch einen Bikini anziehen muss, weil meine Eltern das so wollen…
Wenn ich genau überlege, hab ich am meisten Angst vor meiner Familie, wenn ich nun anfange. Irgendwann werden sie’s erfahren und vorher sollte ich ihnen wohl mal Bescheid geben, v.a. weil ich noch bei ihnen wohne.

Die Zweifel sind gerade komplett weg. Ich bin eigentlich nur noch am Überlegen, ob ich jetzt anfangen soll, oder erst nach der trans*-Freizeitfahrt über das Pfingstwochenende (Fr-Di) und dem Vorstellungsgespräch (Mi)…

Momentan denke ich, dass ich morgen anfangen werde. Neuer Monat etc. Und ich hab irgendwie zu den Ziffern vom 1.6.17 eine besondere Beziehung – Ziffern vom Geburtstag und so.
Und ich wollte meinen Weg dokumentieren, wofür mir noch ein paar prä-T-Sachen fehlen – Ordnung muss sein, auch wenn zwischen prä-T und einen Tag auf Testo kein Unterschied sein wird.

Und eigentlich wollte ich noch viel mehr schreiben, aber das ist mir gerade vor lauter aufgeregtem und vorfreudigem „waaaah“ und „uuuups“ und „oha“ und „uiuiuiui“ entfallen 😀

Allein.

Die schönen Sommertage, wenn ich nichts fürs Studium zu tun habe, sind es, die mir bewusst machen, dass ich eigentlich ziemlich allein bin.
Während andere sich treffen, an den See fahren oder sonst was tun, sitze ich daheim und überlege, ob ich wirklich einen Familienausflug dem Alleinsein vorziehen soll.
Und mir fällt nicht mal jemand ein, der noch nicht verplant ist, und den ich fragen könnte, ob man den Tag gemeinsam verbringen mag.

Notiz

Notiz an mich selbst:

Wenn ich mich von mir selbst entfernen muss, um einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zu bekommen, dann möchte ich diesen Platz nicht.
Das mag etwas sehr blauäugig klingen, aber gerade steckt für mich da dahinter, dass ich mir treu bleiben möchte, jetzt da ich mich soweit gefunden habe.

Konkret heißt das gerade, dass ich, wenn ich nur wegen meiner bunten Haare keine Stelle für die Bachelorarbeit bekomme, ich diese sowieso nicht wollen würde. Ich hab durchaus noch andere Interessen, bei denen sich keiner an bunten Haaren oder dergleichen stören würde.
(Mein Vater frug vorhin, ob ich mir schon bewusst sei, dass Maschinenbau-Unternehmen ziemlich konservativ eingestellt sind.)

Löffel-Theorie

Christine Miserandino, eine Autorin/Bloggerin und an Lupus erkrankt, hat die sog. Löffel-Theorie (engl. spoon theory) erfunden. (Hier gibt es die deutsche Übersetzung.) Dabei hat ein gesunder Mensch unendlich viele Löffel pro Tag zur Verfügung, ein kranker Mensch (egal ob physisch oder psychisch krank) jedoch nur eine bestimmte Anzahl, variierend je nach Tagesform und Zustand. Die Löffel stehen für Energie um Dinge zu machen. Jede Tätigkeit verbraucht demnach einen Löffel, manche auch mehrere. Und wenn alle Löffel verbraucht sind, bleibt für diesen Tag keine Energie mehr übrig um weiter Sachen zu erledigen.

Zur Zeit habe ich ziemlich wenige Löffel zur Verfügung…

Aufstehen und Anziehen – Kleidung raussuchen, Binder an, die fehlende Beule in der Hose ignorieren, irgendwas zum Anziehen finden, das die blöde Körper-Dysphorie erträglich macht… Heute kein Binder, sondern nur Sport-BH, weil mich mein Rücken irgendwie gerade killt. (2 Löffel)

Psychotherapie war gerade ziemlich anstrengend, ich bekomme z.Z. auch einfach nicht gesagt, was ich sagen sollte, was wichtig wäre. (2 Löffel)
In der Hochschule in den Vorlesungen aufpassen, mitdenken und -schreiben. Smalltalk führen, evtl. sogar Kommilitonen oder den Dozenten was fragen. (2-3 Löffel) Ich weiß nicht mal, ob die Löffel für die Vorlesung nachher von 14-17 Uhr reichen. 

Jetzt theoretisch noch 1,5h die Zeit mit Klausurvorbereitung rumbringen. Zumindest anfangen sollte ich. (1 Löffel)

Und abends dann noch heim radeln, Smalltalk mit Familie, zu Abend essen und dann erst ins Bett. (1 Löffel)

Sind heute 8-9 Löffel, unvorhersehbares nicht mit eingerechnet – wie auch.
Das blöde an der ganzen Sache ist, dass ich äußerst selten nur weiß, wie viele Löffel ich am Tag zur Verfügung hab…

Kreisende Tiefe

Die tiefe Unendlichkeit der Pfütze spiegelt in dunklem schwarz den strahlenden Sternenhimmel wieder. Mir ist als könne ich das Universum hören, während die Planeten um die Sonne kreisen. Den Geruch von Erde habe ich schon lange verlernt wahrzunehmen. Die Gedanken übertönen jegliche Sinne und alles was ich mal zu spüren vermochte ist in ihrer kreisenden Tiefe verloren gegangen. Ich bin schon lange nicht mehr der, als der ich geboren wurde. Und bewege mich jedoch nur wie ein Pendel von Moment zu Moment, immer in der Hoffnung, dem Tag etwas positives abzugewinnen und nicht in seiner einnehmenden Schwärze zu ertrinken.

Generelles Chaos

Die Voruntersuchung war… fast langweilig. Der Endo hat gefragt, wieso ich da bin, was schon passiert ist (bisher nur Therapie und Outings), dann hab ich so nen Einverständnis-Wisch zur Chromosomenanalyse ausgefüllt und dann wurde Blut abgenommen. Und das war’s dann auch. Am 22.5. kann ich dort anrufen und nach meinen Blutwerten fragen. Und da machen wir dann auch aus, wie’s weiter geht – sprich den nächsten Termin, der dann theoretisch auch der Termin sein sollte, an dem ich das Rezept für Testo bekomme.

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Ich weiß immer noch nicht, wie ich das alles meinen Eltern beibringen soll… Ich mein, sie wissen theoretisch Bescheid, wie ich mich fühle und was Sache ist. Aber das letzte Mal darüber geredet haben wir im Februar 2016, was aber eigentlich größtenteils so ablief, dass meine Mutter mich zunichte gemacht hat.
Der Plan (Vorschlag meines Theras) ist, dass ich ihnen davon (also vom konkreten Plan und wie nah ich an konkreten Veränderungen bin) in einer gemeinsamen Sitzung beim Therapeuten meiner Eltern (Familientherapie) erzähle. Und davor mal allein zu dem Therapeuten geh. Großer Haken an der Sache: Ich muss darüber vorher mit meiner Mutter reden und sie darum bitten, mal einen gemeinsam Termin zu machen, und dass ich davor erstmal den Thera allein kennen lernen will. Ist eine privat gezahlte Therapie… Und ich kann mich dazu absolut nicht überwinden…

Update (geschuldet der Tatsache, dass ich diese Post über mehrere Tage schreibe) Hm… Scheinbar will der Familientherapeut sowieso demnächst mal eine Familiensitzung. Nur, ob ich das da dann ansprechen werde?…. Auch weil… generell grad keine Ahnung und so.

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Keine Ahnung und so… Das trifft’s grad sehr gut irgendwie.
Weiß zur Zeit (sprich seit letztem Wochenende) überhaupt nicht mehr, was ich fühlen und denken soll, geschweige denn, was ich will.

Die letzten Tage waren mies. Ziemlich mies, was das Thema Psyche betrifft. War so nahe am Aufgeben wie schon lange nicht mehr… Das war wahrscheinlich auch irgendwie der Klausur geschuldet, die ich am Mittwoch geschrieben hab. Weil, naja, Klausuren und Prüfungsangst oder so. Ganz beschissene Sache jedenfalls. Seit nach der Klausur ist’s wieder etwas besser. Aber die Zweifel/ Verwirrung/ Unsicherheit/ whatever bleibt.

Irgendwie weiß ich nicht, ob ich diesen Weg wirklich gehen will. Ich mein, ja irgendwie möchte ich schon und irgendwie möchte ich auch Testosteron-bedingte Veränderungen. Aber andererseits, ist es wirklich das, was ich möchte? Ich mein, brauch ich das? Kann ich nicht in dem Körper, den ich habe, so wie er ist, glücklich werden? Und was, wenn ich dann mit den Veränderungen etc. auch nicht glücklich werde, sondern das irgendein psychischer Müll ist? Oder ich mir doch alles nur einbilde?
Andererseits, hab gestern eine Bestätigung zu was von der Hochschule auf männlichen Namen bekommen (obwohl alles im System noch auf weiblichen Namen ist. War also rein wegen meinem Outing beim Dozenten) und es war zwar irgendwie komisch, hat sich aber nicht falsch angefühlt. Aber halt auch nicht so Luftsprung-mäßig. Aber war direkt vor der Prüfung… Trotzdem, hätte es nicht mehr Luftsprung-Gefühl sein müssen?
Und gerade eben beim Hausarzt gewesen (erst einmal zuvor da gewesen wegen einer Impfung vor Jahren) wegen Konsiliarbericht für den Antrag der Psychotherapie bei der Krankenkasse und am Empfang um Anrede mit „Herr“ gebeten und es war kA. Irgendwie… normal?… zwar nervös gewesen wegen Reaktion, aber irgendwie „normal“?? Auch beim Arzt dann kurz wegen Stand der Dinge etc. und er hat die Haare auf der Oberlippe gesehen und gemeint, dass hormonell ja scheinbar schon was passiert. Tut’s nicht, das “ Bärtchen“ ist da von Natur aus. Aber in dem Moment war’s irgendwie weder was besonderes, noch komisch oder so. Einfach hm, am ehesten wie eine Aussage zu etwas, das mich nicht wirklich betrifft. So neutral vom Gefühl her?
Müsste ich mich nicht eigentlich freuen? Oder halt, wenn ich doch nicht trans* bin, mich schämen oder so? Irgendwelche Gefühle auf jeden Fall?

Es… es ist gerade viel mehr als würde mein Körper nicht zu mir gehören. Also, ich spür ihn schon und alles, aber so die emotional Verbindung, oder wie auch immer, fehlt. Und das ist glaub das, was mich so extrem verunsichert und verwirrt.
Es fehlt die Vorfreude, dass der Testo-Start in Aussicht ist, dass es bald wirklich losgehen wird. Da ist einfach… nichts.

Oder ist das der Angst geschuldet, die ich wegen meiner Familie hab?

Ich weiß nicht mal, wie ich das alles in Therapie nächste Woche ansprechen soll. Diese Woche hab ichs nicht geschafft, obwohl es mir ziemlich mies ging.

The world is going insane…

singt gerade Poets of the Fall aus meinen Kopfhörern.
So kommt’s mir auch gerade vor. Wobei, vielleicht eher ich als die Welt…

Selbst den Antrag für den Ergänzungsausweis abschicken fühlt sich unwichtig an. Ok, ich will da irgendwie auch noch ein anderes Foto, aber trotzdem…

Wie auch immer, Fazit ist, ich weiß nicht weder wer ich bin, noch wo ich steh oder was ich will…

Endo I

Aufgeregt – das ist eigentlich schon gar kein Ausdruck mehr für das was ich fühle…
Morgen den ersten Termin beim Endokrinologen, für die Voruntersuchung für Testo *freu* hoffentlich brauch ich da die Indikation noch nicht, hab die nämlich noch nicht in den Händen
Und die Familie weiß immer noch nichts davon, wie konkret das alles ist, und dass ich den Weg gehen werde…

Kyrillisches Rätsel

Ob ich mit in den alljährlichen Familienurlaub fahre (Ziel bisher unbekannt)?

Nein. Weil ich bis dahin hoffentlich auf Hormonen bin. Weil ihr mich eh nur als „Tochter“ behandeln würdet, weil ich „sie“ wäre, weil ich eurem Bild entsprechen müsste. Weil es drei Wochen schauspielern müssen wären, weil ich nicht ich sein könnte. Weil es einfach nicht funktionieren würde. Weil ihr die letzten zwei Jahre oder zumindest das letzte Jahr über keinerlei Anstalten gemacht habt, mir zumindest einen Schritt entgegen zu kommen. Weil zwei Tage durchgehend mit euch zu verbringen schon anstrengend genug sind und ich mir drei Wochen gar nicht erst vorstellen möchte. Weil ich Angst habe. Weil ich schon eine eigene Idee hab. Weil ich den Urlaub nicht genießen könnte. Weil zum ersten Mal das Ziel weniger wert sein wird als die Umstände.

Weil ich bei dem Gedanken daran Bauchschmerzen bekomme. Aber gerade mit meinem Fernweh klar kommen muss, und deshalb zusagen wollen würde. Aber es so einfach nicht klappen kann und wird. Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie es funktionieren soll. Weil ich nicht die Nächte heulend und die Tage innerlich fluchend verbringen möchte. Weil ich genießen möchte und trotzdem ich selbst sein.

Weil ich nicht mit jemandem verreisen kann, der mich nicht akzeptiert. Mit dem das tägliche Zusammenleben schon schwer genug ist, obwohl ich genügend Rückzug-Möglichkeiten habe.

Ich weiß es noch nicht. Es kommt darauf an, wann ich mit der Bachelorarbeit anfangen kann, welcher Starttermin im Vertrag steht.

Und wo ich hinziehen werde, wie weit weg das sein wird. Wann und wie ich ein Dach über dem Kopf finde, und wie es sonst so ablaufen wird.

Einfach ist etwas anderes. Ich sitze vor einem Kreuzworträtsel in kyrillischer Schrift, für dessen Lösung ich erstmal das Alphabet und dann Vokabeln lernen muss. In einer unbestimmten Zeit, aber weniger als 3 Monate. Unschaffbar. Hilfe…